Von Le Pin Bis La Cote Saint Andrè

(Le Pin/La Cote Saint Andrè, Sonntag, 10.05.2015)

Auf der Aufschlußetappe 2015 nach La Cote Saint Andrè zeigt sich das Wetter von der schönsten Seite.

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Noch einmal ein Blick zurück nach Le Pin nach Nordost!

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Schon einmal ein Blick voraus in die Richtung des heutigen Zieles nach Südwest!

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Ginster sorgt für den gelben Tupfer unter all dem Grün.

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Der Hund scheint meine Ausdünstungen besonders zu genießen. Tief zieht er den Duft ein.

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Dann ist auch schon der Scheitelpunkt erreicht mit einem Ausblick in das weite Becken am Rande dessen der heutige Zielort liegt.

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Das letzte Mal ein verhaßter Abstieg!

Am Ortseingang von Le Grand-Lemps entferne ich hoffentlich zum letzten Mal angesammeltes Geröll aus meinen Schuhe. Bis nach La Côte Saint Andrè habe ich fasst nur noch Teerbelag. Oh wie schön ist Teerbelag: kein Drücken. kein Rutschen, kein Schlupf!

Es ist heiß! Es ist sogar sehr heiß! Ich liebe es heiß, so lange ich Wasser habe und meinen Strohhut auf den Kopf.

Es ist still! Es ist die Stille, die es nur am Sonntagmittag gibt, wenn alle Leute beim Essen sind oder bei einem Schläfchen, sich von ihm erholen. Nicht einmal ein Hahn kräht.

Sonderbarerweise falle ich heute nicht in mein Mittagsloch!

In Saint-Hilaire-de-la-Côte treffe ich Anita aus Mosbach, die ihre Wärmeabfuhrpläne gerade mit Wasser aus der örtlichen Toilette lösen will. Sie geht nicht mehr mit Gertraud aus der Oberpfalz. Dafür geht sie ein Stück mit mir, dem Josef mit dem Wohnmobil. Allzu lange ist sie allerdings nicht bereit, wegen meiner hohen Schrittgeschwindigkeit auf ihren Landschaftsgenuß zu verzichten. Langsamer geht aber nicht: das wäre, stehen zu bleiben.

In Gillonnay ist dann einmal eine Kirche offen. Ich bekomme zwar wieder keinen Stempel. Aber die Gertraud aus der Oberpfalz war schon da und hat „Danke“ geschrieben! Ich schreibe auch „Danke“.

Am Horizont am Ende der Eingangsstraße nach La Côte Saint Andre taucht dann ein schwankender, einem roten Rucksack ähnelnder Körper mit zwei Stangen auf. Das ist die Gertraud aus der Oberpfalz mit ihren Wanderstöcken aus der Ferne.

Exakt an meinem Zielpunkt hole ich sie ein. Schön sie nochmals gesehen zu haben. Schneller als gedacht!

Das war der Jakobsweg 2015!

Von Vèroux bis Le Pin

Vèroux(Les Abrets)/ Le Pin, Samstag, 09.05.2015)

Heute Nacht prasselten mal wieder ausgiebigste Regenfälle auf das Campingcar. Dabei im Bett liegen und aus dem Fenster lugen kann zur schönen Gewohnheit werden.

Zweidimensional ist die Strecke über Les Abrets, Valencogne über die Berge westlich des Lac de Paladru relativ kurz. Dreidimensional ist ein nicht zu unterschätzender Höhenunterschied zu überwinden.

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Es ist kühl. Ich muss beim Verlassen des Platzes glatt meine Jacke überziehen. Etwas, was ich überhaupt nicht mag!

Das Auto wird nach Le Pin vorausfahren. Wenn ich dort ankomme, wird es an einem schönen Platz stehen und alles zu einer effektiven Erholung vorbereitet sein. Ich brauche mich um nichts zu kümmern, ich darf nur gehen.

Meine Frau wird mir dann das aktuelle Befinden der vorbeigekommenen sieben oder acht meist deutschen Pilger auf dem Jakobsweg mitteilen. Man sieht sich gegenseitig fast nie, weil man sich mit wenigen Ausnahmen in fast immer gleichen Abständen einander hinterherläuft. Sie kennt alle und man kennt sie und man hat ein ausgeprägtes Bedürfnis, sich mitzuteilen.

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Les Abrets enttäuscht mich ein wenig. Allerdings gibt es eine Boulangerie und daneben eine Boucherie zur Versorgung des Standardpilgers.

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Hinter Les Abrets jage ich dann eine Walkerin mit Titanstöckchen, die sich nun überhaupt nicht von einem mit einem Sack auf dem Rücken überholen lassen will. Das schnelle Gehen bringt mich nahe an einen Hungerast.

Aber erst am Ortseingang von Valencogne bietet sich eine Sitzgelegenheit auf einem alten Traktorreifen bei einer Silieranlage, etwas zu essen. Die Pizzeria an der Kirche wäre zweifellos die bessere Alternative gewesen. Aber was ich nicht weiß, mach mich nicht heiß.

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Die Kirche ist wieder einmal verschlossen. Aber hier gibt es auch Bildchen auf der Straße zu bewundern.

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Dann geht es den Bergrücken westlich des Lac de Paladru hoch. Diesen selbst bekommt man allerdings nie zu sehen!

Dafür überholt mich eine Horde wildgewordener Quadfahrer. In Frankreich ist schon eine Menge erlaubt.

Relativ früh komme ich heute in Le Pin an. Zeit genug für einen Ausflug zum See mit dem Campingbus.

Von St Maurice de Rotherens bis Les Abrets

(St Maurice de Rotherens/Vèrou(Les Abrets), Freitag, 08.05.2015)

Wir stehen nicht nur neben der Mairie, sondern auch neben der Eglise. Französische Kirchen läuten anders. Sie läuten die vollen Stunden zweimal. Sollte man den ersten Durchgang wegen Schlafes nicht voll mitbekommen, so stellt er zumindest das Aufwachen sicher. Beim zweiten ungefähr eine Minute später ist höchste Konzentration sichergestellt, kann die Schläge sicher mitzählen und weiß dann ganz genau wie spät es ist. Ich weiß ganz genau, es ist sechs Uhr. Nachts ruht der Glockenbetrieb. Dem Himmel sei Dank!

Nachdem ruhigen Frühstück ist wieder Sohlenpflege angesagt. Meine Frau hat inzwischen bei Carrefour ein dem Original aus der Pharmacie zumindest funktionell identisches Blasenpflaster gefunden, das die täglichen Verpflasterungskosten von acht Euro auf zwei Euro senkt. Ansonsten ist es schon erstaunlich, wie sich der Körper beim Schließen von Rissen zu helfen weiß.

Guten Mutes mache ich mich auf den Weg zum Campingplatz nach Vèrou. Das heutige Profil scheint vergleichsweise einfach.

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Zunächst geht es gleich wieder abwärts. Aber kein Vergleich zu gestern!

In Gresin gehe ich dann in die Kirche. Vielleicht gibt es hier mal einen Stempel. Den Stempel vergesse ich aber, als mich der indirekt erleuchtete Kirchenraum mit einem sanften Ave Maria mehr als freundlich empfängt. Ich bin wirklich ergriffen. So stelle ich mir ein Tor zum Himmel vor.

Geistig gestärkt cruise ich nun frohen Mutes nach Saint Genix an der Guiers. Übermütig lege ich mich unterwegs noch mit ein paar Hundeungetümern im Vertrauen an, dass sie ihre Besitzer nicht frei laufen lassen würden, falls sie nur halb so aggressiv wären wie sie sich gerade aufführen. Hätte ich mich geirrt, wer weiß, wo ich jetzt wäre. Leider hatte ich nicht die Nerven, ein Foto zu schießen.

Eine offensichtlich geänderte Route führt an der Chappele de Pigneux vorbei. Dort habe ich auch ein Lichtlein geopfert. Ich habe allerdings gewusst, was ich sagen soll, und habe das auch gesagt, wenn auch nicht laut! Der Richtige wird mich schon verstanden haben!

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Triumphal ziehe ich in Genix ein. Hier findet gerade ein Markt statt. Ich haushalte mit meinen Schritten, weshalb ich das Warenangebot nicht genauer inspiziere.

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Die Gicht fördernden Mittel vor einer Boucherie (gegrilltes Hühnchen) hätten mir es beinahe angetan. Ich bin stark und widerstehe. Mein Appetit wurde allerdings angeregt. Ich beschließe deshalb eine Pause im Park hinter dem Rathaus.

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Ich setze mich auf eine Bank, ziehe meine Schuhe aus, packe mein Käsebrot und meinen Apfel aus als ein älteres Ehepaar auftaucht und sich freundlich nickend neben mich auf die Bank setzt. Ihr Blick richtet sich in den mit der Trikolore beflaggten Hinterhof des Rathauses, in dem offensichtlich alles für eine Art Sektempfang vorbereitet ist. Immer mehr Leute sammeln sich in dem Park auffallend feierlich gekleidet. Man kennt sich! Küsschen rechts, Küsschen links! Auffallend viele Veteranen tragen stolz ihre Orden zur Schau! Spätestens als Kinder im Stile der deutschen Kriegsgräberfürsorge um eine Spende bitten, merke ich, dass es sich hier wohl um eine Feier zur Deutschen Kapitulation vor 70 Jahren handelt. Die Leute um mich herum wissen wohl, dass ich Deutscher bin. Sind trotzdem nett und freundlich! Nichteinmal der hochdekorierte Luftwaffenveteran mit drei goldenen Ordensreihen auf jeder Seite der Brust zeigt Ressentiments!

Mein Aufzug ist dieser Veranstaltung nicht würdig. Ich verabschiede mich mit einem durchaus erwiderten „Bonjour“!

Ich verlasse Genix entlang der Guiers, unterquere die Autobahn, und gehe durch einen kleinen Wald in ein Dorf hoch, in dem zwei Wanderinnen gerade nach einer Pause weiterwollen.

„Wia der Hans! Ja, a Lacha wia der Hans! Mei is des sche“ schreit die eine und stürzt auf mich zu, obwohl sie mich zuvor noch nie gesehen hat.

Das ist sie wohl die „Gertraud aus der Oberpfalz“ wie sie sich in den Dankbüchern der Kirchen verewigt hat, die „Holzofenbrotbäckerin aus Vogelthal bei Dietfurt“ von der mir meine Frau schon erzählt hat, die jahrelang das Geschäft meines verstorbenen Bruders mit Gebäck versorgt hat

Auffallend in der kurzen Zeit mit Gertraud ist, dass sie alles fotografiert. „Du kummst fei in mei Fotoalbum!“

Ich mache ein Selfy. „Und Du kummst auf mei Web Page!“. Was hiermit geschehen ist.

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Eine Stunde gehen wir miteinander, suchen nach Gemeinsamkeiten in der Heimat: „Kennst Du den? Kennst den a?“

Wir holen ihre Noch-Weggefährtin Anita ein, die vorausgeeilt war, weil sie mich eher wohl als Störenfried empfand.

Dann trennen wir uns: „Ria de fei! Ehrlich! Ria de fei“, was sich zweifellos einmal ergeben wird.

Im beginnenden Regen gelange ich schnell zum schönen Campingplatz, in dem schon alles für mein Wohlergehen vorbereitet ist.

Von Jongieux bis St Maurice de Rotherens

(Jongieux/St-Maurice-de-Rotherens, Donnerstag, 07.05.2015)

Pünktlich um sechs Uhr schmeißt der Bauer seinen Traktor an und beginnt auf seinem Weinacker gegenüber unserem Schlafplatz mit Giftspritzen. Offensichtlich ist der Savoy kein Bio-Wein. Allein schon vom Hinsehen bekomme ich einen Hustenfall. Kurz überlege ich, ob wir nicht flüchten sollen. Aber der Winzer scheint sich von uns wegzuarbeiten. Gott sei Dank habe ich einen Grund gefunden, noch in meinem Bett zu bleiben.

Zeit genug für meine Sohlen, Blasen zu melden.

Ich mache es mir auf einem Sitz bequem. Das bewährte Operationsbesteck in Form einer Sicherheitsnadel liegt bereit. Mit einigen Verrenkungen gelingt eine Sicht auf die Sohlen. Am rechten Fuß schaut es ganz gut aus: nach dem Aufstechen wird sich die Haut wieder anlegen, Pflaster drauf, und alles ist gut. Am linken Fuß schaut es nicht mehr so gut aus: eine Blase weitet sich über den ganzen Zehenballen über einer anderen. Es ist ein Genuss, beim Aufstechen das Wasser in einer hohen Fontaine spritzen zu sehen. Was überbleibt ist etwas runzliges, das sich beim Gehen immer schön hin und her verschieben wird. Darüberhinaus sind auch die zwei kleinen Zehen befallen. Bei einer ist sogar schon die Oberhaut weggerißen und die Unterhaut sichtbar. Das wird bei Kontakt brennen. Als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr der Paradefall für vierzehn Tage Innendienst!

Mit Blasenpflaster und handwerklichen Geschick kriegt das meine Frau schon in den Griff. Es wird Zeit, dass sie endlich aus den Federn kommt und alles abklebt und stabilisiert. Nach einer Nachoperation zum während des Frühstücks wieder angesammelten Blasenwasser gelingt dies aus. Zumindest habe ich beim Auftreten keine Schmerzen.

Dann starte ich nach Saint-Maurice-de-Rotherens. Der steile Talabstieg gleich zu Beginn und die dabei auftretenden Scherrkräfte sind natürlich für den Pflasterhalt nicht von Vorteil.

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Über Jongieux-le-Haute geht es im schrägen Morgenlicht durch die Weinberge zur Chapelle Saint Romain. Über die Skulpturen kann man sich streiten …

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… der Ausblick hinter der Kapelle über das Rhonetal ist in der Tat nur eines: einmalig.

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Dort muss ich nun hinunter. Es ist rutschig: immer die Gefahr plötzlich mit dem Allerwertesten auf einem spitzen Stein zu landen! Es ist steil: ständig die Knie in den Kehren verdrehen! Die nassfeuchte Kühle unter dem Laub lässt mich nicht auf Touren kommen. Außerdem habe ich schon wieder Steine in meinen Schuhen. Körper und Kopf habe keinen Bock. Morgen mache ich Pause!

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Unten in der Ebene geht es der Rhone entlang. Pfützen, tiefer Morast und verdreckte Brennnessel hellen meine Stimmung nicht auf. Ich will Sonne, Licht, Rosen und den Duft von Flieder.

Ich bin hungrig und müde. Ich will essen und schlafen. Aber Yenne ist noch weit und noch nicht einmal ein Viertel des heutigen Pensums liegt hinter mir.

Dort ein Wunder: eine Bank umrundet von gepflegten Grün steht auf dem trockenem Pflaster eines ruhigen Platzes im warmen Sonnenlicht! Fliederduft! Schuhe runter! Brotzeit raus! Der richtige Platz für die Mittagspause!

Eine frühlingshaft bekleidete jüngere Französin kommt aus einer Gasse, schaut sich kurz um, setzt sich nach Zurechtrücken ihres Röckchens die langen Beine überschlagend auf eine kniehohe Mauer mir schräg gegenüber! Olala, ich vergesse fast das Kauen.

Eine gewiße Spannung liegt für kurze Zeit in der Luft, dann taucht eine weitere Frau auf nicht weniger ansehnlich und plaziert sich in einem gewißen Abstand neben sie. Was ist denn hier los?

Ich stehe durchaus unter Beobachtung als eine Mutter schon wieder schwanger mit zwei kleinen Kinder auftaucht, diese neben mich auf die Bank setzt und sich freundlich lachend, direkt vor mich stellt. Wo bin ich denn hier gelandet?

Genau das ist die Frage! Dezent drehe ich den Kopf und bemerke ein Gebäude hinter mir, vor dem die blaue Europaflagge mit den gelben Sternen und die französische Trikolore wehen. Als noch mehr Personen mit dem Blick dorthin gerichtet stehen bleiben, dämmert langsam, dass ich hier wohl vor einem Kindergarten sitze. Der ganze Auftrieb dient wohl dem Abholen der Kleinen. Bevor diese herauskommen und unter lautem Gejohle mit den Fingern auf mich zeigen mache ich mich schön langsam aus dem Staub bzw auf den Berg.

Beim Studieren einer Infotafel wird mir erst vor Ort bewusst, dass ich über den Mont Tournier soll. Hätte ich das vorher gewusst, was ich zweifellos hätte können, wäre schon heute der Pausentag. Aber wie einer sagte: „Der Jakobsweg ist wie eine Wundertüte: hinter jeder Ecke eine Überraschung“.

Den initialen Anstieg auf den großen Felsen nehme ich gelassen. Anstiege suggerieren, man hat etwas erreicht.

Trotzdem bin ich oben nicht offen für die Ausblicke auf dem Weg. Schon genug geblickt! Ich habe keine Lust auf die Aussichtsfelsen, die ein paar Meter vom Hauptweg abliegen. Schon wieder ein Umweg!

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Trotzdem bin ich oben nicht offen für die neue, nun mehr mediterrane Flora! Immerhin setzt der Ginster ein paar gelbe Farbpunkte ins Grün!

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So macht das keinen Sinn! Es kann nicht sein, eine so schöne Tour zu laufen, nur das sie gelaufen ist! Statt auf das GPS zu schauen und zu sagen: „Was? Erst soviel gegangen!“ werde ich sagen: „Oh! Schon soweit!“. Ich habe alle Zeit der Welt.

Den Abzweig zum nächsten Aussichtfelsen lasse ich dann nicht rechts liegen. Ich nehme die hundert Meter Umweg in Kauf! Ich habe schon lange nicht mehr soviel von einem Ort aus gehen wie von dort! Zudem ist dort eine Bank! Mit dem Rucksack als Kopfkissen lege mich dorthin. Der Strohhut dunkelt mein Gesicht ab und ich schlafe sofort ein. Erst ein leichter Sonnenbrand am Arm lässt mich wieder aufwachen.

Die Strecke bis kurz vor den Mont Tournier ist wellig auf hohem Niveau. Der Aufstieg zu einer Art Pass braucht dann schon noch die letzten verbliebenen Körner. Psychisch ist das verkraftbar, weil Saint Maurice leicht abfallend ohne steilen Abstieg erreicht wird.

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Zehn Minuten zum Gipfel sind mir dann doch zuviel. Freilich komme ich nach zwanzig Minuten wieder zu einem Schild mit zehn Minuten zum Gipfel. Daraus lässt sich folgern, dass die Route auch über den Gipfel ohne Umweg hätte führen können. Der geneigte Leser möge dies selbst als kartographische Übungsaufgabe nachvollziehen.

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Der merkwürdige Steinkopf ist in jedem Fall sehenswert. Es ist nicht bekannt, ob Druiden ihn als Altar bei keltischen Opferritualen benutzten. Allerdings soll er zur Pionierzeit der drahtlosen Telegrafie Aufhängepunkt einer Langwellenantenne über den Mont Tournier gewesen sein. Der geneigte Leser möge dies im Museum in Saint-Maurice überprüfen.

Am Ortseingang von Maurice erwartet mich pünktlich meine Frau. Sie hat es nicht nur geschafft, den Ort zu finden, sondern die Gite d’Etape Mobile durch die engen Straßen vor die Mairie zu chauffieren. Der Bürgermeister hat nichts dagegen. In der Heimat ein Skandal!

Dazu hat sie ein halbes Hähnchen mitgebracht. Mittlerweile mehr kalt als warm, genieße ich es wie ich noch nie ein Hähnchen genossen habe! Das erste Fleisch seit Ostern!

Die Kraft schießt in meine Glieder! Morgen gehe ich weiter.

Von Seyssel bis Jongieux

(Seyssel/Jongieux, Mittwoch, 06.05.2015)

Wieder gut geschlafen, Wassertank voll, Akkus aufgeladen! Alles klar, um sich nach Jongieux auf den Weg zu machen! Das werden heute wohl über die dreißig Kilometer werden.

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Ich verzichte auf den Regenschirm. Nach einer klaren Nacht scheint die Sonne schon am Morgen am blauen Himmel. Jetzt noch kühl deutet alles auf einen warmen, trockenen Frühlingstag.

Ich habe gute Beine. Sogar die Fahrradautobahn entlang der Rhone mit dem Teerbelag sehe ich positiv nach dem Morast und Sumpf der vergangenen Tage. Die Szenerie des großen Stroms tut das Übrige.

Mittendrin bricht die Fier aus einer Kerbe im Bergrücken, die die Natur einfach aus einer Laune heraus geschlagen zu haben scheint.

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Danach gleicht die Rhone eher einem See. Tatsächlich dient sie zum Schwimmen oder Schiffchenfahren. Das geht natürlich nur durch Stauen. Generell ist das Konzept: Staumauer mit Stromgeneratoren, Stausee mit Erholungsgebiet.

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Ich treffe zum ersten Mal auf einen Wanderkollegen. Ein junger Franzose, frisch, agil!

Meine in zehn Stunden Volkshochschule erworbenes Französisch reicht nicht für eine Konversation. Sein Englisch beschränkt sich auf Yes and No. Trotzdem versucht jeder herauszubekommen, woher der andere kommt und wohin er will. Die Antworten erdenkt sich dann jeder selbst besten Gewissens.

Ich habe eher verstanden, woher er nicht kommt und wohin er nicht will: er kommt nicht aus Genf, er geht nicht nach Le Puy. Der riesige Knutschfleck an seinem Hals ist frisch. Er kann also noch nicht lange unterwegs sein. Hier hat Irgendeine in der Spätpubertät Besitzrechte angemeldet. Auf der anderen Seite wird ihn sein Hormonspiegel schnell wieder zurücktreiben.

Beim Aufstieg zum Hochufer bei Motz kommt er erstmal ins Schwitzen, muss sich seiner Jacke entledigen und diese verpacken. Ich gehe weiter.

Ich will lieber in der Sonne durch ein Weinfeld als schon wieder im schattigen Grün eines Waldes auf dem ausgeschilderten Jakobsbach verschwinden. Zweidimensional betrachtet ist das kein Problem, da der beabsichtige Weg wieder auf die offizielle Route heranführt. Dreidimensional betrachtet aber schon, da der angenommene Kreuzungspunkt ein paar Meter über ihr liegt. Ich habe die Wahl, in kurzen Hosen durch frische Brennnesseln und sonstiges Gestrüpp abzusteigen oder umzukehren und einen Umweg von mindestens einen Kilometer in Kauf zunehmen. Ersteres soll gut gegen Rheuma sein. Da ich keines habe, entscheide mich für letzteres.

Weil ich schon frustriert bin, rege ich mich gleich auch noch über meine Schuhe auf, in denen mittlerweile ganze Kiesladungen auf meine sensiblen Fußsohlen drücken.

Der kleine Franzose verschwindet mittlerweile im Wald am Horizont.

Gegenüber von Le Chetraz wird es Zeit zur Nahrungsaufnahme. Eine Mauer bietet die seltene Gelegenheit auf der Via Gebennensis, diese im Sitzen vorzunehmen. Die herumwieselnden Minidrachen in Form von Eidechsen verhindern, der Versuchung nachzugeben, sich auszustrecken und für ein paar Minuten die Augen zu schließen.

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Mit den zumindest kurzfristig kieselfreien Schuhen geht es in unmittelbarer Nähe der Rhone weiter. Die nächste Staumauer is noch weit. Der Strom fließt ungebremst. Irgendwie auch bedrohlich! Ich mag mir nicht vorstellen, was hier passiert, wenn das Eindämmungssystem einmal außer Kontrolle gerät.

Die Idylle im Auwald trügt. Noch vor ein paar Stunden stand auch hier das Wasser. Nur die Spur des Franzosen zeichnet sich im Sediment auf dem Pfad ab.

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Andererseits sind die Behausungen La Loi nur durch kleine Dämme vor einem möglichen Hochwasser geschützt. Auf jeden Fall eine Gelegenheit, sich an den Treppen hinzusetzen und die Schuhe von lästigem Geröll befreien.

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Unter der Brücke der D904 über die Rhone treffe ich dann wieder den Kollegen. Diesmal müde! Den Rucksack hat er an einen Wegweiser gestellt. Wieder der Versuch einer Konversation! Am Schluß weiß ich durch Zeigen auf die dort aufgemalten Namen, dass er bis nach Chanaz geht, und er, dass ich bis nach Jongieux will. Ich zeige auf das GPS Display und sage: „Treize kilomètres!“. Ich sehe nur Fragezeichen in seinen Augen und zähle bis zehn: „Une, deux, trois, …, neuf, dix“. Ich schnippe mit den Fingern und zeige auf das Display. Er versteht und sagt: „Ah, onze! Ah, douze! Ah, voilà treize kilomètres!“. Ich glaube: „Habe ich doch gesagt!“. Auf jeden Fall ist er jetzt von meinem Garmin begeistert.

Ich will weiter. Der Jakobsweg führt neu von der Rhone weg durchs Hinterland. Ich sehe natürlich zuerst die zusätzlichen Meter und bin nicht entzückt. Allerdings kann ich mir beim Blick in das zu durchquerende Gebiet schon eine Hochwassergefährdung vorstellen. Da ich nicht noch einmal umkehren will, folge ich halt der Ausschilderung.

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Bei der Rückkehr auf die Originalroute an der Rhone kann ich zurückblickend feststellen, dass der Entschluss richtig war! Ansonsten hätte mich nur Watten durch knietiefes Wasser hierher geführt.

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Der Etang Bleu unter dem Mollard de Vions ist ganz und gar nicht blau, sondern hochwasserdreckig eingefärbt. Normalerweise umrundbar heißt es auch hier „Land unter!“

Es wäre zu schön gewesen, hier eine Pizza Salami zu verspeisen. Selbstverständlich ist die Hütte geschlossen!

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Zwei Kilometer sind es auf dem breiten Rhonedamm noch bis Chanaz. Der Blick geht weit und in der Ferne ist eine Person mit Rucksack auszumachen. Ich setze mir in den Kopf aufzuschließen und gehe High Speed. Doch der Abstand von circa fünf Minuten verringert sich nur minimal. Als ich am Staudamm ankomme, ist sie bereits mit der Besichtigung fertig und setzt den Weg fort. Am Sonntag habe ich sie in Beaumont beim Einzug in die Fromagerie beobachtet.

Es geht mir offensichtlich nicht schlecht. Trotzdem ist eine Pause notwendig. Bis Jongieux ist es noch ein Stück! Sich auf einen der körperpassgenauen Steine setzen, den Rucksack abnehmen, die Schuhe ausziehen und die Füße ausdampfen, ein Schluck warmes Wasser aus der Plastikfasche, ein drittes Mal Käsebrot mit Apfel. Herz, was willst du mehr?

Chanaz ist das, was man Tourismus nennt.

Für eine Unterkunft direkt über dem Wasser mit eigenem Bootanlegeplatz direkt darunter kann ich vielleicht sogar kurz das Wohnmobil eintauschen. Allerdings nur ohne Mücken!

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Senioren eines Altenheim schlürfen heute ihren Kaffee und Kuchen einmal mit Blick auf den Staudamm. Vielleicht fahren sie sogar mit einem der Ausflugsschiffe auf dem Canal de Saveres von der Rhone zum Lac de Brouget. Über-sechzig-Jährige zahlen wahrscheinlich auch in Frankreich bloß die Hälfte.

Im Kern von Chanaz lässt sich idyllisch auf einen der Holzstege auf dem Wasser dinnieren. Sie werden gerade mit Dampfstrahlern vom Entenkot befreit. Doch am Abend deckt man die Tische mit weißen gestärkten Stoffservietten. Als Vorspeise reicht man Froschschenkel nach Art der Province. Den Gaumen neutralisiert Savoier Wein aus der Region kurz geschwenkt in großvolumigen Gläsern mit hellem Klang. Ein kurz angebratenes Stück dezent marmoriertes Filet von der Savoier Jungferse mit Artischocken aus der Bretagne bildet den Hauptgang. Das Desert ist Geheimnis und Überraschung des Hauses. Überschüssiges Baguette verfüttert der Tierfreund an die wartenden Enten bei Kerzenlicht.

Solche eiweißreichen Genüsse resultieren in der Ausschüttung von Salzen der Harnsäure und oft schmerzhafter Akkumulation in diversen Gelenken. Es ist deshalb besser, darauf zu verzichten und den Ort sofort zu verlassen.

Verlassen heißt hier steiler Aufstieg. Aufstieg heißt derzeit ein zu einem Bachbett mit viel Geröll ausgeschwemmter Weg, das selbst jetzt noch knöcheltiefes Wasser führt. Oben angekommen kann ich nur wieder dankbar sein für mein Herz-/Kreislaufsystem.

Noch ein kurzer Blick zurück auf den heutigen Weg …

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… und dann schaukle ich mit mehr Bergab als Bergauf Jongieux zu.

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Weinberge, nichts als Weinberge!

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Kurz vor Jongieux hadere ich dann zu Unrecht mit der Führung des Jakobweges als dieser bergab geht obwohl die Straße zum Ort bergauf führt. Es wird philosophisch: warum muss ich zuvor bergauf gehen, wenn ich jetzt wieder bergab gehen soll. Da scheint es mir, logischer bergauf zu gehen. Nach dreißig Kilometern darf man sich auch mal täuschen.

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Jongieux besteht aus Weingütern. Überall könnte man jetzt Wein verkosten. Mir reicht es aber für heute!

Meine Frau hat wieder einen schönen Stellplatz gefunden mit einmaligen Blick ins Rhonetal. Bei gerösteten Maultaschen mit einem knackigen Salat werden wir der Sonne beim Untergang zuschauen und dann unter dem Schutz der Toten im benachbarten Friedhof eine hoffentlich gute Nacht verbringen!